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Rezension: »Brazilian Underground« von Mayra Dias Gomes

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Sterne_5_klein

Wie viele Hindernisse muss man überwinden, bis man endlich seinen Weg findet und wie viele Grenzen kann man austesten, bis endgültig alles zusammenbricht?

Die junge Brasilianerin Satine lebt mit ihrer wohlhabenden Familie in Rio de Janeiro und hat alles, was man sich wünschen kann. Doch der plötzliche Tod ihres Vaters wirft sie mit zwölf Jahren emotional aus der Bahn. Auf dem schwierigen Weg der Selbstfindung macht die Jugendliche viele, oft schmerzhafte Erfahrungen, nimmt Drogen, verstrickt sich in Lügen und lernt Ricky kennen – die große Liebe, für die sie durchs Feuer gehen würde. Beherrscht von ihren Gefühlen gerät Satine in eine Phase ihres Lebens, in der sie die Realität mehr und mehr aus den Augen verliert.

Eine Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens…

(Cover-, Text- und Zitatrechte: Arara-Verlag)

Meine Meinung

Handlung

»Brazilian Underground« erzählt die Geschichte einer jungen Brasilianerin und ihr schwieriger Weg durch die Wirrnisse des Erwachsenwerdens. Satine ist noch ein junges Mädchen, sie stammt aus guten und liebevollen Verhältnissen und lebt mit ihrer Familie in Rio de Janeiro. Ihr Vater ist einflussreich und beliebt und die Familie sorgt sich um Satine. Sie ist ein normales Kind, bis zu dem Tag, an dem ihr Vater plötzlich stirbt. Sie ist damals 12 Jahre alt und dieser Unfall scheint ihre ganze Welt auf den Kopf zu stellen. Sie begibt sich auf einen schweren Weg auf dem sie hofft, sich selbst zu finden, eine Identität zu bilden und eigentlich jeden Stolperstein mit nimmt, den das Leben zu bieten hat.

Stil und Sprache

Der Stil und die Sprache des Buches haben mich sehr überrascht. Die Sprache ist wahnsinnig bildlich, die Beschreibungen äußerst detailreich und intensiv und voller Metaphern. Der Stil des Buches bewirkt, dass man völlig in Satines Welt und ihr emotionales Fühlen und Handeln eintauchen kann. Das hat mich sehr beeindruckt.

Das Buch handelt in großen Teilen in Satines Gedanken- und Gefühlswelt besonders zu Beginn gibt es wenig Dialoge und die Handlung wird wenig voran getrieben, dafür wird der Leser aber intensiv in Satines Welt eingeführt. Ich fand den Stil gut, aber an manchen Stellen denke ich hätte man sich auch etwas Ausführlichkeit sparen können, denn wenn sich so eine einzige Beschreibung über viele Seiten erstreckt, kann das schon mal etwas zäh werden. Alles in allem hat mir der Stil des Buches aber zugesagt.

Charaktere

Natürlich steht ganz im Vordergrund das Mädchen Satine, andere Charaktere rücken an den Rand der Geschichte. Satine ist 12 als ihr Vater stribt, nach dessen Tod gibt es für Satine kein Halten mehr. Sie fängt an zu lügen, scheut sich nicht vor Drogen und ist eigentlich immer auf der Suche nach dem nächsten „Kick“, nach neuen Gefühlen und Empfindungen, mit dem sie das Loch in ihrem Inneren stopfen kann.

Sie ist im Grunde verzweifelt und traurig, aber sie will es überdecken, indem sie möglichst intensiv lebt. Sie ist immer auf der Jagt nach neuen Empfindungen, neuen Erfahrungen, ob mit Drogen, Musik, Jungs… Der Blick den die Autorin in Satines Gefühle wirft ist wahnsinnig eindringlich, intensiv und nachvollziehbar. Ich hatte beim Lesen nie das Gefühl einen unechten, leblosen Charakter vor mir zu haben, sondern einen ganz ehrlichen, schonungslosen und authentischen Menschen, mit Fehlern, Emotionen, Widersprüchen. Ich konnte mich sehr gut in Satine hineinversetzten und hatte beim Lesen auch immer wieder das Gefühl – so wie das Buch geschrieben ist wirkt es sehr biografisch – als ob die Autorin viel Wirklichkeit und eigene Erfahrungen niedergeschrieben hat. Ich kann nicht sagen, ob dies wirklich so ist, aber ich bin mir sicher, dass die Autorin nicht von etwas geschrieben hat, das ihr absolut fremd ist. Oft habe ich beim Lesen bei mir gedacht: „Satine, warum machst du das, warum tust du dir das an?“ und zugleich konnte ich es nachvollziehen. Sie wirkt nicht konstruiert, sondern lebhaft und absolut authentisch. Jeder macht verrückte Dinge auf dem Weg des Erwachsenwerdens.

Fazit

Das Buch ist sehr, sehr bewegend, es ist authentisch und zermürbend, es macht traurig und nachdenklich und ich hätte nicht erwartet, dass es so tiefschürfend und echt ist. Also Hut ab, wahnsinnig gelungenes Buch, auch wenn der Stil dazu führen kann, dass das Buch an manchen Stellen ein wenig langatmig wird. Das ganze Buch ist ein Feuerwerk aus Emotionen, intensiv und führte mich in die Abgründe einer jungen Seele.

Buchdetails

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»Brazilian Underground – Die Geschichte von Satine«

Verlag: Arara Verlag (2013)
Taschenbuch: 328 Seiten
ISBN: 978-3-9815863-0-5
Preis: 14,00€
Verlagsseite →

 

 

© Blutrot – Jamie’s Bücherblog

 

Rezension: »Terror« von Dan Simmons

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5Sterne_klein

»England im Jahr 1845: Unter dem Kommando von Sir John Franklin brechen die modernsten Schiffe ihrer Zeit – die „Terror“ und die „Erebus“ – auf, um die legendäre Nord-West-Passage zu finden: den Weg durch das ewige Eis der Arktis in den Pazifik. 130 Männer nehmen an der Expedition teil. Keiner von ihnen wird je zurückkehren. Dies ist ihre Geschichte.«

(Cover-, Text- und Zitatrechte: Heyne Verlag)

Meine Meinung

Ein gigantischer, unfassbarer historischer Roman.  »Terror« ist ein ziemlich dicker Schinken mit knapp 1000 Seiten ein ausgewachsender Wälzer und am Anfang dachte ich, wie will Simmons nun diese 1000 Seiten Füllen ohne langweilig zu werden, aber er hat es geschafft! Besonders gefesselt hat mich der unglaubliche Detailreichtum dieses Buches. Die Hintergründe und der Kontext wirken unglaublich gut recherchiert. Beim Lesen wird einem das Gefühl vermittelt, dass der Autor wirklich viel Zeit und Arbeit in die Recherche zu den Hintergründen des Buches investiert hat. Und das ist mir bei einem Buch sehr wichtig.

»Terror« erzählt die Geschichte der Sir Franklin Expedition, die 1845 mit zwei Schiffen, der HMS Erebus und der HMS Terror von Kanada aufgebrochen ist um die Nord-Westpassage zu entdecken. Aufgebrochen voller Mut und der Absicht ehrenvoll neue Gebiete für die Krone von Großbritannien zu erschließen und den kürzesten Weg zwischen Europa und Asien zu finden. Das Ende dieser Expedition war verheerend. Beide Schiffe sind im Eis eingefroren und die Besatzung verschollen. Simmons erzählt die Geschichte dieser Männer, die sich in wildes unbekanntes Terrain aufgemacht haben. Die Expedition basiert auf wahren Begebenheiten.

Ich kann mir nicht mal vorstellen, auf ein Schiff zu steigen, dass sich in unbekannte Teile der Welt aufmacht und das für mehrere Jahre. Der Vorrat an Essen und Trinken reicht für drei Jahre. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Skorbut und andere Krankheiten sind kaum erforscht und man kann sie noch nicht wirklich behandeln. Der Platz an Deck ist begrenzt und du bist als Seeman eingepfercht in deine enge Hängematte. Die Temperaturen Richtung Nordpol sind erschreckend und die Kleidung hält die Kälte nur geringfügig in Schach. Du weißt schlicht nicht ob du zurück kehrst oder ob diese Expedition dein Grab ist. Welche Motive hatten die Männer? Abenteuer, Ehre, Geld? Wäre ich damals mit gefahren? Diese Frage habe ich mir beim Lesen immer wieder gestellt. Dan Simmons nimmt einen mit in eine Reise ins 19. Jahrhundert. Er schildert sehr genau und eingängig die Verhältnisse an Bord der Schiffe die Rangfolge der Expeditionsteilnehmer und ihre Aufgaben. Die medizinischen Verhältnisse, die Rationierung und Zubereitung der Mahlzeiten. Die Entscheidungen die die Kapitäne für ihre Schiffe treffen. Die Eskimos / Inuits und ihr Überleben in dieser unwirtlichen Welt… ich könnte noch lange so weiter machen, denn dieses Buch hat es in sich. Es ist so detailreich und es besitzt sogar einen langen Anhang mit Begriffen rund um die Seefahrt, mit Eskimobegriffen und Erklärungen. Die vielen vielen Beteiligten der Expedition: Kapitäne, Offiziere, Seeleute bis hin zu den Schiffsjungen haben ihre eigene Geschichte, ihen eigenen Charakter.

Ich will nicht zu viel verraten aber nach den ersten paar Hundert Seiten ist man so niedergeschlagen und weiß einfach nicht mehr wie es weiter gehen soll und dann zaubert Simmons noch mal 4-5-600 Seiten aus dem Hut und man ist wirklich fasziniert wie umfangreich das Buch ist und wie es Simmons schafft über tausend Seiten den Leser was zu bieten. Bei manchen wirklich guten historischen Roman kommt irgendwann der Punkt wo ich mich ein wenig langweile, weil es sich einfach hinzieht und nichts neues passiert, bei »Terror« ist es anders, wenn man denkt jetzt muss es doch langweilig werden -und manchmal ist es auch etwas langatmig- schafft es Simmons eine Wendung einzubauen und man will direkt weiter lesen. Hach ja.

Neben einem Historischen Roman hält dieses Buch noch weitere Überraschungen für den Leser auf Lager, nicht immer geht es mit Realistischen Begebenheiten zu sich, manchmal führt dieses Buch einen auch in eine ganz andere Welt. Aber ich schweige!

Man muss jedoch sagen, dass das Buch nicht unbedingt was für schwache Nerven ist und keine leichte Lektüre für zwischendurch. Es liest sich sehr flüssig aber auf Grund der Komplexität sollte man schon den Überblick behalten. Inhaltlich ist das Leid, das die Männer der Expedition erdulden müssen auch nicht ohne und in manchen Szenen friert man einfach mit oder fühlt sich einfach richtig elend. Aber dies wiederum zeigt auch die Qualität des Buches, finde ich.

Fazit

6 Sterne – Herausragend! Ich habe lange kein Buch mehr gelesen mit einem solchen Detailreichtum und so einer Komplexen Welt. Der Stil und die Handlung sind außergewöhnlich gut.

Bewertung

Kategorie:
Punkte:
Charaktere 6 von 6
Idee 4 von 4
Handlung 6 von 6
Spannung 4 von 4
Sprache 2 von 2
Kontext 4 von 4
Cover 2 von 2
Gesamt: 27 von 28

27Punkte = 6 Sterne

Buchdetails

»Terror«

Originaltitel: »The Terror«
Autor: Dan Simmons
Verlag: Heyne Verlag (1. Dezember 2008)
Flexibler Einband: 992 Seiten
ISBN: 978-3-453-40613-1

© Blutrot – Jamie’s Bücherblog

 

Rezension: Straight White Male von John Niven

Straight White Male von John Niven

Meine Meinung

Der Protagonist

Der Protagonist Kennedy Marr ist ein absoluter Genussmensch, ein respektloser, exzentrischer Schriftsteller, der vom Ruhm seiner Romane lebt und sein Geld mit dem Aufpolieren von Drehbüchern verdient. Er verspeist Frauen wie sein alltäglicher Luxus Lunch, er schert sich nicht um Konventionen und Konsequenzen.

Es ist eine kritisch, komische Geschichte von einem Menschen, der es geschafft hat, als Schriftsteller Berühmtheit zu erlangen und der dieses Leben in vollen Zügen auskostet. Er hat jede Menge Menschen vom Agenten bis zum Gärtner um sich rum, die den normalen Alltag für ihn übernehmen, damit er die Zeit hat sich völlig dem Genuss hin zu geben. Dem Genuss und Alkohol ohne Limit.

Es ist eine Geschichte von einem widerlichen Aufreißer, der anfängt über sein Leben nach zu denken, über die verlorene Liebe und über die Schuld die er gegenüber anderen geliebten Menschen hat. Er hat sich an der Liebe versündigt und er fragt sich reumütig und voller Schuldgefühle ob er nicht sein Leben verschwendet hat, weil er viel verpasst und vermasselt hat. Ein Leben in dem er alles gegeben hat um die Liebe zu verraten und auf der anderen Seite hält ihn nichts von seinem ausschweifenden Leben ab. Sein Verstand und sein Verhalten sind unendlich gegensätzlich. Er ist schlau und ein begabter Schriftsteller, und doch entscheidet er sich für den oberflächlichen Glanz und Spaß.

»Sie hatten sich an der Liebe versündigt, diese alten Drecksäcke mit ihren jungen Freundinnen. Wie, dachten sie wohl, würde die Liebe darauf reagieren? Es dulden? Sich einfach zurücklehnen, Kaugummi kauen und sagen: »Alles paletti, Kumpel. Weiter so!«?«

Mehr Schein als Sein

Der Autor umreißt ein kritisches und zynisches Bild vom Film- und Literaturbusiness und lässt kein gutes Haar an Regisseuren, Schauspielern, Schriftstellern, Akademikern und Agenten.
Es zeigt die Filmbranche als eine sehr unwirkliche und plastische Welt, in der das Image und der Schein nach außen mehr zählen als das verdorbene Innere.

Emotionen

John Niven schafft mit seinem Roman eine Geschichte die gleichzeitig witzig, provokant, fröhlich, traurig, einsam und urkomisch ist. Es gibt so skurrile Szenen, dass man nur noch lachen muss oder mit dem Kopf schütteln kann.

Der Schreibstil finde ich großartig. Der Autor beschreibt so detailreich die Situationen, die Emotionen. Er lässt uns durch viele innere Monologe und Erinnerungen tief in Marrs Seele blicken und wirft einen schroffen, ehrlichen und zynischen Blick auf das Leben und die Liebe und verpackt es in einem spannenden und provokanten Roman.

Es klingt zunächst Klischeehaft: der exzentrische Schriftsteller, der ein Leben führt, das aus Sex, Alkohol und Stress besteht, findet seinen weichen Kern und sein Gewissen. Aber es ist nicht so flach. Mir hat sehr gut gefallen, wie der Autor einen Charakter erschaffen hat, der langsam begreift was er für ein Leben führt und sich fragt wie es weiter gehen soll. Der merkt welche Rolle Liebe spielt und erkennt, dass er sie betrogen hat und dennoch kann er nicht aus seiner Haut raus.

Californication in Buchform

Mir ist aufgefallen, dass das Buch sehr viele Parallelen zu der Serie „Californication“ aufweist: Der Schriftsteller, der ein exzentrisches Leben führt, der eine Ex-Frau und Tochter hat, an denen er eigentlich hängt, aber für die er auch nicht sein Leben rund um Sex und Geld ändern will oder kann. Ein Mann der sich nicht um Konsequenzen schert und einem eingebildeten Geschäftspartner auch gerne mal die Meinung sagt.
Ja man könnte glatt sagen, der Autor hat eine Version von Californication als Buch erschaffen.

Fazit

„Straight White Male“ Überzeugt mit einer ganz speziellen Art von Humor, einem toll Schreibstil und was mir sehr gefallen hat: der Autor flechtet sehr oft Zitate und Gedanken von großen Schriftstellern, Dichtern und bekannten Personen ein.
Der Autor schafft es dem Leser einen unsympathischen Charakter näher zu bringen indem er den Leser hinter die strahlende Fassade blicken lässt. Der Roman geht in die Tiefe und zeigt auch die bittere, schmerzerfüllte Seite des Lebens. Ich habe den Charakter lieb gewonnen und wollte gar nicht, dass das Buch endet. Aber so ist es nun mal: Bücher enden, aber die Handlung war toll und gipfelt in einem verrückten und gleichzeitig sehr rundem, passenden, versöhnlichen Ende. Ich will nix verraten aber das Buch hat viel mehr auf Lager als das klassische „Happy End“.
Ich werde demnächst definitiv noch mal was von John Niven lesen.

 

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