Rezension: »Geschwärzt« von Antonia Fennek

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Als der bekannte Softwareentwickler Peter Bräuning wegen einer schweren Sexualstraftat in den Maßregelvollzug eingeliefert wird, bekommt die Ärztin Regina Bogner bald Zweifel: Ist der junge Mann tatsächlich zu einer grausamen Tat fähig? Immer wieder beteuert Bräuning seine Unschuld, doch die Beweise sprechen gegen ihn. Ausgerechnet Reginas Tochter Anabel wird zu seiner einzigen Fürsprecherin – und verstrickt sich ohne Reginas Wissen immer mehr in der Grauzone zwischen Recht, Gesetz und Selbstjustiz …

(Cover-, Text- und Zitatrecht: Egmont Lyx Verlag)

Inhalt

Regina ist Ärztin im Maßregelvollzug Hamburg. Vor einer Weile wurde ihre Tochter von einem ihrer Patienten, einem psychisch kranken Mörder, entführt und ihr Freund gefoltert. Nach diesem Schock bringt Anabel kein Verständnis mehr für die Arbeit ihrer Mutter auf. Regina schlägt vor, dass Anabel ein Praktikum bei ihr macht, damit sie Regina besser verstehen kann und um die Angst vor ihrer Arbeit zu verlieren. Im Maßregelvollzug trifft Anabel auf Peter Bräuning, der grade erst wegen Kindesmissbrauch verurteilt und wegen psychologischen Gründen in den Maßregelvollzug überstellt wurde. Peter leugnet seit seiner Festnahme, dass er das Verbrechen, dem er bezichtigt wird, begangen hat. Er ist von seiner Unschuld überzeugt, doch kann das wirklich die Wahrheit sein? Haben Justiz und Gerechtigkeit verloren und einen Unschuldigen eingesperrt oder spielt Peter Bräuning ein ganz besonders perfides, abartiges Spiel, um aus der Haft entlassen zu werden? Als Anabel Peter im Maßregelvollzug kennenlernt, steht für sie fest: Peter ist unschuldig, aber wie kann es weiter gehen?

Meine Meinung

»Geschwärzt« ist nach »Schwarzweiß« der zweite Band um Regina und ihrer Tochter Anabel. Ich habe »Geschwärzt« gelesen ohne vorher »Schwarzweiß« zu kennen. Es wurde sehr oft auf »Schwarzweiß« angespielt und Bezug genommen, jedoch denke ich, man kann »Geschwärzt« auch sehr gut lesen ohne den ersten Teil zu kennen.

Gedankenexperiment

»Geschwärzt« liegt ein wirklich spannendes Gedankenexperiment zu Grunde: Kann es sein, dass jemand hierzulande unschuldig verurteilt und eingesperrt wird? Und wenn ja, was hat dieser Jemand dann überhaupt noch für Chancen gegen dieses Urteil anzugehen?

Ausweg aus der professionellen Distanz

Regina arbeitet im Maßregelvollzug Hamburg. Für sie und ihre Kollegen ist klar: die Patienten die dort ankommen sind schuldige, verurteilte Täter, alles andere ist gelogen, es wird kein Gedanke daran verschwendet, ob ein Patient möglicherweise die Wahrheit sagt, die professionelle Distanz will gewahrt sein! Ihr Job ist es, die Patienten zu therapieren, nicht über Schuld und Unschuld zu richten. Reginas Arbeit und die Abläufe im Maßregelvollzug wurden sehr glaubhaft und authentisch beschrieben. Reginas Grundsatz und die der anderen Kollegen, einem Patienten nicht zu viel zu glauben ist absolut nachvollziehbar. Die Distanz zu bewahren ist sicherlich ratsam und wichtig. Leichtgläubigkeit ist  in einer solchen Umgebung nicht angebracht. Umso spannender ist die Frage, was geschieht, wenn jemand unschuldig einsitzt. Wenn jedes Wort, das du sagst als Auswirkung deiner psychischen Erkrankung gesehen wird, dann bleibt nicht mehr viel, was du machen kannst. Verzweiflung ist vorprogrammiert.

Charakterstärke vs. Manipulation

Im Mittelpunkt des Buches stehen Anabel, Regina und vor allem auch Peter Bräuning. Ich war im Geiste wirklich hin- und hergerissen, ob Peter die Wahrheit sagt und unschuldig ist oder ob die Autorin mich hinters Licht führt. Bis zum Ende kann man nicht eindeutig festlegen, ob Peter unschuldig ist oder ein sehr geschickter Psychopath, der es  perfekt beherrscht seine Mitmenschen zu manipulieren. Dieser Konflikt hat das Buch sehr spannend gemacht, weil hinter jeder Ecke die Wendung lauern konnte. Das Problem das sich mir gestellt hat ist ja auch:  Kinderschändung ist eins der abscheulichsten Verbrechen, die ein Mensch begehen kann, kann man wirklich das Risiko eingehen, so jemandem Vertrauen zu schenken? Auf der anderen Seite: hat man den Falschen erwischt, ist dort draußen immer noch ein Verbrecher auf freiem Fuß, der Unheil verbreiten kann.

Anabel ist mutig und folgt ihrem Herzen, das unbedingt nach Gerechtigkeit strebt, sie nimmt nicht den einfachen Weg und schaut weg, sondern handelt, wie es ihr richtig erscheint. Sie ist ein sehr sympathischer, sehr starker Charakter, den ich auf jeden Fall als gutes Vorbild ansehe und beim Lesen total gemocht habe. Sie hat bei mir die Frage ausgelöst, wie weit man eigentlich gehen kann und sollte, um Gerechtigkeit zu vertreten und durchzusetzen, Stichwort: „Recht, Gesetz und Selbstjustiz …“.

Peter hingegen ist schwieriger einzuschätzen, auch er kommt sehr sympathisch daher, direkt und ehrlich erscheint er, ehrlich verzweifelt in seiner Situation, aber ein Rest Misstrauen bleibt, ob dieser Charakter einen nicht doch kalt erwischt, wenn man ihm grade Glauben schenkt.

Der Superagent

Der afrikanische  Agent / Ermittler / Geheimdienstmitarbeiter Kashka taucht auf, löst Probleme und verschwindet wieder. Ich wurde nicht recht schlau aus diesem Charakter, das war wohl auch Absicht, dennoch, fand ich, war er zu abgehoben. Er gibt nichts von sich preis, taucht auf, fordert Gefallen ein und lässt Beziehungen spielen. Mich hat seine Rolle im Buch etwas gestört, weil seine Intentionen und Arbeitsweise völlig im Dunkeln blieben und Anabel und Regina ihm dennoch sehr trauten und er zu einer wichtigen Figur in der Aufklärung in Peters Fall wurde. Vielleicht muss man doch Band eins gelesen haben um Kashka besser zu verstehen.

Fazit

Das Buch hat mich von Anfang an sehr mitgerissen. Oft habe ich am Anfang eines Buches Schwierigkeiten mich in die Geschichte rein zu finden, hier war dies gar nicht der Fall. Der Stil und die Art der Autorin sind absolut flüssig und geschmeidig. Man liest und liest und vergisst völlig die Zeit. »Geschwärzt« ist ein sehr verstricktes Buch, das sehr intelligent konstruiert ist.  In nächster Zeit werde ich mir auf jeden Fall auch den Vorgänger »Schwarzweiß« zulegen und auf eine ähnlich spannende Unterhaltung hoffen!

Buchdetails

»Geschwärzt« ist der zweite Band rund um die Ärztin Regina Bogner, die im Maßregelvollzug arbeitet, und ihrer Tochter Anabel. Band ein ist 2015 unter dem Titel »Schwarzweiß« erschienen.

 

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Verlag: Egmont LYX (15.01.2015)
ISBN: 978-3-8025-9533-2
Preis: 9,99€, 384 Seiten

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Verlag: Egmont LYX (14.01.2016)
ISBN: 978-3-8025-9534-9
Preis: 9,99€, 544 Seiten

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