Rezension: »Die Stille Bestie« von Chris Carter

Die stille Bestie

Du denkst, du kennst ihn. Du vertraust ihm. Erzählst ihm deine schlimmsten Geheimnisse. Doch er ist nicht, was du denkst …

Profiler Robert Hunter vertraut nur wenigen Menschen. Eigentlich gibt es nur einen, für den er immer seine Hand ins Feuer legt. Lucien Folter, seinen Freund aus Studientagen. Beide können Menschen besser lesen als jeder andere. Hunter vertraute Folter seine engsten Geheimnisse an. Bis dieser plötzlich verschwand. Jetzt kommt ein Anruf. Die Körperteile unzähliger Mordopfer sind aufgetaucht, grausige Trophäen. Angeklagt ist Lucien Folter. Und er will nur mit einem reden: Robert Hunter …

(Cover-, Text- und Zitatrechte: Ullstein Buchverlage)

Zwei Lesen…. »Die Stille Bestie« von Chris Carter

»Die Stille Bestie« ist der neue Thriller von Chris Carter aus seiner Robert-Hunter-Reihe. Ich habe bisher keins der Robert-Hunter-Bücher gelesen, doch das Buch klang wirklich spannend und in sich abgeschlossen, so dass ich es trotzdem lesen wollte! Und es hat sich gelohnt! Zusammen mit meiner Freundin Jana, habe ich das Buch gelesen und zusammen besprechen wir das Buch in einigen Fragen rund um Aufmachung, Stil und Inhalt.

Diese Leserunde hat etwas länger gedauert als gedacht, aber wir sind endlich fertig geworden und so gibts hier unsere Besprechung:

Wie findest du das Cover des Buches? Welche Erwartungen haben Cover und Titel in dir geweckt?

Jamie: Das Cover ist natürlich das Erste, das einem ins Auge fällt, wenn man ein Buch betrachtet. In diesem Fall fand ich das Cover weder besonders gut, noch schlecht. Es hat mich nicht angesprungen, die riesige Schrift auf dem Cover erinnert mich an amerikanische Cover und die stacheligen Ranken hatten – für mich – keinen Zusammenhang mit dem Titel “Die Stille Bestie”. Als ich dann den Klappentext gelesen habe, kam doch die Neugierde hoch. Ich habe bisher kein Buch aus der Robert-Hunter-Reihe von Chris Carter gelesen, doch das Buch schien mir relativ unabhängig von den anderen Teilen. Mich hat besonders der Konflikt zwischen dem Profiler Robert Hunter und seinem ehemaligen besten Freund Lucien Folter angesprochen. Folter wird vorgeworfen, ein eiskalter und soziopathischer Mörder zu sein. Kann ein Mensch, den man jahrelang als besten Freund betrachtet hat, einen so täuschen? Spannende Frage, insbesondere wenn man bedenkt, dass Hunter Profiler ist. Der Titel bezieht sich wohl genau auf diesen Konflikt, jedoch erweist sich die Bestie in Haft als ziemlich gesprächig.

Jana: Ich finde das Cover auf jeden Fall auffällig, es ist eine Mischung aus düsterer Stimmung und Märchen wie “Dornröschen” und dank dem Titel “Die stille Bestie” dachte ich auch an “Die schöne und das Biest”! Der Titel hat sich für mich durchaus im Buch wiedergefunden. Ich hatte zunächst und auch durch den Text auf der Rückseite gedacht, dass es darum geht, wie man sich als liebender Mensch in Freunden täuschen kann – die Vermutung hat sich mehr als nur bestätigt. Hunter trifft seinen ehemals besten Freund Lucien Folter wieder, von dem er dachte, dass er niemals einem Menschen etwas zu Leide tun würde. Doch der Name Folter lies von Anfang an auf einen Menschen deuten, der nicht gerade freundlich mit seinen Opfern umgeht und der Name passt, wie sich immer mehr bestätigt, wie die Faust aufs Auge – er ist eine disziplinierte, stille Bestie!!

Nach und nach lernen wir die drei Hauptpersonen kennen: Was hältst du von Hunter, Folter und Taylor?

Jamie: Robert Hunter, Profiler bei der Polizei, begehrt von FBI und Co. tritt als erstes auf den Plan. Er ist hilfsbereit, freundlich, ein Musterbürger, der einfach mal so den Einkauf eines Fremden übernimmt. Er ist sehr intelligent, zielstrebig, und doch auch distanziert und lässt niemanden an sich heran. Er ist nicht karrieregeil, sondern lebt für seine Arbeit als Profiler. Zu Anfang wurde er als der Super-Profiler dargestellt, den jede Behörde für sich haben will und dessen Arbeiten jeder Polizist rauf und runter beten kann.

Es scheint als tarnt Hunter hinter seiner gefassten, stets professionellen Fassade etwas, ein Geheimnis? Eine verletzende Vergangenheit? Er ist nicht der Typ, der sich auf andere einlässt oder schnell Vertrauen fasst. Lucien Folter ist einer der wenigen, die seine Freundschaft und Vertrauen gewonnen haben, auch wenn sie sich seit der gemeinsamen Zeit an der Uni aus den Augen verloren haben, glaubt er ihm und will ihm helfen, dass dieser nicht ins Gefängnis kommt, obwohl er unter Verdacht steht mehrere Frauen getötet zu haben. Folter ist ebenfalls sehr klug und zielstrebig, doch sehen seine Ziele anders aus als Hunters. Schnell wird klar, der Mensch der da vor Hunter sitzt hat nichts mit dem Menschen zu tun, den er einst gekannt zu haben glaubte. Folter ist manipulativ und plant jede Handlung bis ins letzte Detail. Als Leser glaubt man Folter zunächst jede Lüge, die er einem auftischt. Er scheint der arme vom Schicksal bestrafte Studienkollege von Hunter zu sein, dessen Leben ihn so einiges aufegbürgt hat, doch man ahnt nicht was alles hinter dieser Fassade steckt. Ich finde Folter wie auch Hunter sind ziemlich spannende Charaktere.

Die FBI-Agentin Taylor, die den Fall Folter leitet, ist das absolute Gegenteil von Hunter. Zuerst wird der Eindruck erweckt, es handele sich um eine typische FBI-Agentin, professionell, zielstrebig, redet nicht um den heißen Brei. Doch mir persönlich ist sie ziemlich schnell auf die Nerven gegangen. In den Verhören, die sie und Hunter mit Folter führen, hat sie sich sofort von Folter provozieren lassen, sie hat nicht nachgedacht und vorschnell gehandelt. Sie war die schwächere der Hauptpersonen. Keine Spur einer routinierten Agentin, die schon viele Verhöre geführt hat, eher mutet sie wie eine Anfängerin an, die ins kalte Wasser geschubst wird, und das schwimmen nicht beherrscht.

Jana: Robert Hunter war mir bis dato unbekannt (dies hier war mein erstes Chris Carter Buch) er wird von vornherein aber als äußerst freundlich und hilfsbereit beschrieben – so zahlt er zum Beispiel gleich zu Beginn einem Mann mal eben ⅔ seines Einkaufes, er scheint ein Samariter zu sein, der definitiv an das Gute im Menschen glaubt, bis sein alter Freund Folter auftaucht und ihn eines Besseren belehrt. Beruflich ist er standhaft, er könnte viel mehr erreichen, ist aber absolut zufrieden mit dem, was er ist. Ein genügsamer, intelligenter Mann!

Lucien Folter kauft man zunächst einmal alles ab! Man konnte sich richtig in die Verhöre reinversetzen, er tischt einem sogar Lügengeschichten auf, die absolut glaubhaft wirken und die man ihm, ebenso wie Hunter, absolut glaubt. Doch der Schein trügt und man merkt sehr schnell, dass hinter seiner Fassade des äußerst disziplinierten, intelligenten Folter jemand steckt, der seinem Namen alle Ehre macht. Ich glaube er ist ein wenig durchgeknallt! Bei all dem Leid, welches er seinen Opfern zufügt ist er stets der Überzeugung, er mache das, aus einem guten Grund und sogar für einen guten Zweck! Also wirklich, er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber wird als absolut überzeugender, studierter und schlauer Killer dargestellt, vor dem man fast von Hochachtung haben sollte – aber nur fast !

Special Agent Taylor vom FBI leitet quasi die Ermittlungen in diesem Fall – Bereits beim zweiten Interview mit Folter hat sie sich für mich völlig ins Aus geschossen! Sie soll eine tolle Agentin sein und Serienmörder interviewen und fassen dürfen? Ganz ehrlich, grausam schlechte Wahl! Sie verliert enorm schnell die Fassung und lässt sich total schnell negativ beeinflussen. Meiner Ansicht nach, hat sie, emotionsgeladen wie sie ist, den falschen Job gewählt. Ich finde sogar, dass sie dank ihrer “krankes Schwein etc.”-Beleidigungen die Arbeit von Lucien Folter honoriert und in gewisser Weise freut er sich total, sobald die Agentin mal wieder auf sein Spiel eingeht und den Emotionen freien Lauf lässt.

Das Buch ist so aufgebaut, dass der Bösewicht eigentlich von vornherein gefasst ist und die Agenten nicht dem Bösewicht sondern seinen Taten hinterher jagen, findest du diesen Ansatz interessant?

Jana: Tatsächlich könnte man jetzt meinen es wäre weniger spannend, weil der Mörder quasi von Anfang an feststeht, aber mich hat es ein bisschen an meinen Lieblingsfilm “Das Schweigen der Lämmer” und an den guten alten Mister Hopkins als Dr. Hannibal Lecter erinnert, der mit der Polizei spielt und sagt “Sie stellen Fragen, ich antworte ehrlich und dann stelle ich eine Frage, die Sie mir beantworten müssen!” Ich mag Bücher in denen Psychospielchen gespielt werden!

Jamie: Mich hat das Buch ebenfalls an “Das Schweigen der Lämmer” erinnert. Der Bösewicht sitzt hinter Gittern und fordert dennoch die eifrigen Polizisten, oder in diesem Fall das FBI heraus. Folter hat trotz seiner Inhaftierung eine Menge auf Lager. Die Spannung hat nicht gelitten, im Gegenteil fand ich es interessant, Folters Geschichte Stück für Stück zu erfahren und mit zu fiebern, was Wahrheit und was Manipulation ist.

Hattest du Lieblings-Zitate im Buch?

Jana:

“[…] oder [dass er] so verdammt hässlich war, dass er sich vermutlich an seinen Spiegel anschleichen musste.” (Seite. 252)

“Anstelle ihres Freundes lag ein Fremder mit blutigen Kleidern neben ihr im Bett und starrte ihr in die Augen, während er an zweien ihrer Finger lutschte.” (Seite 260)

“Wow. Ich könnte einen Teller Buchstabensuppe essen und danach ein besseres Argument scheissen.” (Seite 319)

Alles Zitate von Lucien Folter, der die Welt trotz seiner Taten mit viel schwarzem Humor betrachtet hat und dies die Leser spüren lassen hat !

Jamie: Da kann ich Jana nur Zustimmen, der schwarze Humor von Folter, ist wirklich übel! Jana hat wirklich super Zitate angeführt, die ich mir auch ausgesucht hätte!

Wie lautet dein Fazit?

Jamie: “Die Stille Bestie” ist ein insgesamt sehr spannender Thriller, der seine Geschichte mal auf eine andere Art erzählt. Der vermeindliche Bösewicht Lucien Folter wird gleich am Anfang vom FBI festgenommen, er fordert Robert Hunter für sein Verhör und so beginnt die Suche nach der Wahrheit von hinten nach vorne. Vom Täter zum Opfer. Das Buch ist so aufgebaut, dass ein Handlungsstrang die Verhöre mit Folter thematisiert, und ein anderer beschreibt wie Hunter und Taylor immer wieder Folters seltsamen Anspielungen und Aussagen nachgehen. Immer wieder werden Rückblenden aus Hunters Vergangenheit eingebaut. Ich hab mich gewundert wie viel von Hunters persönlicher Geschichte in dem Buch aufgedeckt wird, in anbetracht, dass es schon der 6. Band der Reihe ist. Es würde mich interessieren wie die anderen Bände geschrieben sind. Ich fand die Idee, dass der vermutete Täter bereits geschnappt ist und dennoch alle Fragen noch offen sind ganz spannend. Auch die Charaktere Hunter und besonders auch Folter fand ich sehr gut gelungen. Insbesondere wie Folter mich, als Leser, immer wieder aufs Glatteis geführt hat war wirklich gut gemacht.

Jana: Das Buch ist eine bunte Mischung aus aktuellen Geschehnissen, die zum Teil auch parallel laufen und Geschichten aus der Vergangenheit: Zum einen Erzählungen von Dr. Hunter: Geschichten, die einen beinahe zu Tränen rühren und zum anderen die detaillierten Schilderungen von Lucien Folter, die mir ab und an Gänsehaut verpasst haben, dank Sätzen wie “Ich frage mich wie es ihnen wohl gehen wird, wenn sie erfahren, dass sie ihre eigene Tochter gegessen haben.” (S.227) Die Ereignisse aus der Sicht des Täters geschildert zu bekommen, welcher sich seinen Morden voll und ganz hingibt und glaubt es sei alles für die Wissenschaft ist tatsächlich ein wenig lehrreich und auf jeden Fall spannend! Tatsächlich fände ich es spannend, noch mehr in Lucien Folters Gehirn einzutauchen. Ich wüsste jedoch nicht, ob die weiteren Bücher mit Robert Hunter ebenso spannend sein können wie dieses, sehr Persönlichkeit-offenbarendes Buch über ihn.

Buchdetails

stilleBestie_klein

 

Band 6 der Robert-Hunter-Reihe:
»Die Stille Bestie«

Verlag: Ullstein Buchverlage (11. September 2015)
ISBN: 9783548287126
Preis: 9,99€
Website →

 

 

 

© Blutrot – Jamie’s Bücherblog 2015
 

Leave a Reply