Rezension: „Teufelsgrinsen – ein Fall für Anna Kronberg“ von Annelie Wendeberg

Teufelsgrinsen - Annelie Wendeberg

„Es war ein gut gemischter Haufen Männer, deren geistige Schärfe zwischen der eines Buttermessers und der einer überreifen Pflaume variiert“ (Seite 12)

Handlung

Niemand kennt Anna Kronbergs Geheimnis – bis Sherlock Holmes sie durchschaut

In einer Zeit, in der nur Männer an Universitäten zugelassen sind, schneidet sich Anna Kronberg die Haare ab, zieht Hosen an und studiert Medizin. Als angesehener Arzt Dr. Anton Kronberg gerät sie in das Zentrum einer monströsen Verschwörung – und selbst in tödliche Gefahr, der sie nur mithilfe ihres scharfen Verstandes und dem Beistand von Sherlock Holmes, entkommen kann.
London, Ende des 19. Jahrhunderts, eine Stadt, die regelmäßig von Seuchen heimgesucht wird; Zehntausende leben in bitterster Armut. Im Londoner Wasserwerk wird ein Cholera-Opfer entdeckt. Dr. Anton Kronberg, Englands führender Epidemiologe, wird hinzugezogen und findet heraus, dass der Tote absichtlich mit tödlichen Bakterien infiziert wurde. Während Scotland Yard den Fall nur halbherzig verfolgt, begegnet Kronberg dem beratenden Detektiv Sherlock Holmes. Er entdeckt im Handumdrehen Kronbergs Geheimnis und Identität. Im Gegenzug beginnt Anna – sehr zu dessen Verdruss – Holmes’ kompliziertes Innenleben zu analysieren. Doch die beiden ungleichen und intellektuell ebenbürtigen Partner müssen sich zusammentun, um eine Verschwörung aufzudecken, die so monströs ist, dass sie die Taten von Jack the Ripper in den Schatten stellt …
Ein historischer Krimi, der das viktorianische England zum Leben erweckt und mit Dialogwitz sowie einem unglaublichen Ermittler-Duo begeistert – der Auftakt einer neuen Krimireihe um Anna Kronberg und Sherlock Holmes. ~ Klappentext

(Cover-,Text- und Zitatrechte: Kiepenheuer und Witsch Verlag)

Cover

Das Cover gefällt mir recht gut. Es ist in dunklen Blautönen und Schwarz gehalten, was alleine schon auf die düstere Stimmung schließen lässt.

Auf dem Cover ist blass und schemenhaft London mit seiner Themse und Big Ben abgebildet, eine Frau steht links im Bild und schaut zurück in Richtung London. Sie trägt einen Hut ins Gesicht gezogen und einen schwarzen Mantel der sie umfängt.

Das schemenhafte Cover erinnert an Dunst der über London hängt und die Konturen verschwimmen lässt.

Der Titel ist in schwarz geschrieben und man kann sich noch nicht recht vorstellen was inter „Teufelsgrinsen“ gemeint ist, aber es ist mysteriös und man will mehr wissen. „Ein Fall für Anna Kronberg“ lässt sofort darauf schließen, dass es sich um einen Detektiv bzw. Kriminalroman handelt.

Meine Meinung

Eine Frau die als Mann Lebt. Eine Frau die in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts als Ärztin unerkannt arbeitet. Eine starke Persönlichkeit und ein Sherlock Holmes mal etwas anders.

Wir befinden uns im London des späten 19. Jahrhunderts. Das vikorianische England ist noch nicht dazu bereit Frauen als ebenbürtige Menschen anzuerkennen und so führt Dr. Anton Kronberg ein Doppelleben. Tagsüber angesehener Arzt, schlüpft er Nachts zurück in das Leben von Anna, einer starken Frau und Persönlichkeit, die mit viel Intelligenz Mut und Leidenschaft das Doppelleben von Anton und Anna lebt um in der Männerwelt als Ärztin arbeiten zu können.

Als ein an Cholera erkrankter Mann, tot in einem Wasserreservoir der Themse gefunden wird, wird Dr. Anton Kronberg als Bakteriologe von Scotland Yard hin zu gezogen und trifft hier zum ersten Mal auf den berühmten Sherlock Holmes.

Die Charaktere sind ausdruckstark und greifbar konstruiert und beschrieben. Besonders die Hauptperson Anna vermittelt mir einen tiefen Einblick in ihre Gefühlswelt. Sherlock Holmes ist weniger genau und intensiv beschrieben. Man erhält nur Annas Sichtweise und ihre Eindrücke zu Sherlock Holmes.

Das Buch hat mich direkt angesprochen, da ich die Figur Sherlock Holmes toll finde und doch hat es mich überrascht, denn es war besser als erwartet. Die Charaktere Anna und Sherlock haben sich als Ebenbürtige Partner erwiesen, die mit intelligenten und schlagfertigen Dialogen unterhalten und Spannung aufbauen.

Das Bild von London, das sich in dem Buch abzeichnet ist sehr düster. Anna lebt in den Slums von London, einem der schlimmsten Armenvierteln, in denen die Menschen frieren, hungern und an Krankheiten sterben, da die Hygienischen und Medizinischen Bedingungen Katastrophal sind. Die Ärztin Anna lebt dort mitten unter ihnen, bekannt mit den meisten in der Umgebung, hilft sie wo sie kann auch nach ihrer Arbeit im Krankenhaus.

Es ist ein Bild von London in dem die Sterblichkeit der Menschen enorm ist, in dem Kinder kaum eine Chance haben und Armut allgegenwärtig ist. Dazu kommt die Verschmutzung die überall anherrscht. Man riecht beinahe den üblen Geruch nach Krankheit und Fäkalien die die Straße runter gespült werden.

Auch wenn die Handlung in einem sehr düstereren und abschreckenden Rahmen stattfindet, ist die medizinische Betrachtung sehr interessant. Hier webt die Autorin auch einen Hauch von Sozialkritik mit ein, sie kritisiert die miserablen Bedingungen der Armen und die Behandlung in den Armenhäusern

Was mir am besten gefallen hat ist, wie die Autorin die innere Gefühlswelt von Anna beschrieben hat. Die Frau die als Mann lebt und droht sich in der Rolle zu verlieren, wie sie depressiv wird und ihre Motivation verliert, wenn sie nicht ihre weibliche Seite lebt. Das Risiko welches sie jeden Tag eingeht um ihre Leidenschaft: Das arbeiten als Ärztin oder vielleicht sage ich besser Arzt zu leben. Jeden Tag kann sie erwischt werden, ein Mann könnte herausfinden wer sie wirklich ist. All die Strapazen die sie auf sich nimmt um dieses Geheimnis zu bewahren. Zwei Wohnungen, zwei Leben und keine Menschenseele in ihrer Umgebung der sie sich anvertrauen kann. Für mich unvorstellbar so ein Doppelleben über viele Jahre hinweg aufrecht zu erhalten. Und man erkennt welchen Luxus man lebt, sein zu können wer man will und arbeiten zu können als was man möchte.

Und dann an einem fast normalen Tag stößt Anna auf Sherlock Holmes, der sie in wenigen Momenten durchschaut, ihr Geheimnis lüftet. Ein Schock für Anna! Doch er beschließt ihr Geheimnis zu bewahren und so entwickelt sich eine Partnerschaft, die durch ebenbürtige Intelligenz und Schlagfertigkeit geschmiedet wird und endet in gegenseitigem Interesse und Freundschaft. Anna hat einen Menschen, abgesehen von ihrem Vater gefunden, der ihre Entscheidung zu Leben wie sie lebt akzeptiert und respektiert.

Ich finde es sehr schön, dass die Autorin beschlossen hat hier einen persönlichen und gefühlvollen Handlungsstrang einzuflechten. Es ist nicht oberflächlich sondern lebendig jedoch zart. Es ist nach meinem Geschmack genau die richtige Menge an romantischen Gefühlen.

Ein Moment in dem so ein knistern oder zumindest ein Hauch von Verbundenheit und Zuneigung deutlich wird ist, als Anna vor Schmerzen Sherlocks Hand ergreift, als Dr. Watson ihre Kopfverletzung nach einem Angriff verarztet.

Garret ist ein teuer und liebevoller Mensch in Annas Leben, die beiden haben eine Affäre, aber Anna vertraut ihm nicht ihr Geheimnis an und es wirkt als sei Garret, der Räuber aus den Slums Annas Intellekt mehr als nicht gewachsen. Es wirkt als sei er ein Gefährte den Anna braucht und auch liebt, jedoch ist er kein Mensch den Anna vollkommen an sich ran lässt. Und auf der anderen Seite ist da Sherlock, der ihr Geheimnis selbst erkannt hat, und der ihr bewiesen hat, dass sie ihm vertrauen kann und obendrein noch intellektuell mit ihr mithalten kann und ihr die Stirn bietet.

Da liegen schon romantische Gefühle in der Luft wie mir scheint. Um aufs wesentliche zurück zu kommen: Die Autorin hat eine wundervolle Geschichte erschaffen in der man Sherlock Holmes mal von einer anderen Seite sieht und Romantik ohne kritische Verliebtheit oder sonstige schnöde Blindheit und Klischeehaftigkeit kreiert.

Am Ende des Buches fragt sich Anna:

„Wie zum Teufel konnte Ich ihn so einfach mein Herz mitnehmen lassen?“ (Seite 227)

Ich hoffe die beiden sind noch nicht fertig mit einander der auch wenn Sherlock das andeutet.

Die Spannung der Geschichte wird zum einen durch die beiden starken Charaktere Anna und Sherlock erzeugt und deren unterhaltsamen Dialogen und Schlagabtauschen und zum anderen durch die gruselige Handlung an sich.

Die Handlung beginnt mit einem Mord, zu dem Sherlock Holmes und Dr. Anton Kronberg hin zu gezogen werden und endet damit, dass die beiden eine Verschwörung von erheblichem Ausmaß aufdecken.

Eine Auffälligkeit die sich beim Lesen seltsam angefühlt hat, ist dass, Anna und Sherlock sich duzen. Das hat mich irritiert beim Lesen. Ich fand es irgendwie nicht passend für die Zeit und den Kontext. Auf der anderen Seite kann man das Leben von Anna eh nicht als normal oder durchschnittlich bezeichnen, also warum soll sie hier eine Ausnahme machen und steif daher kommen.

Die Sprache insgesamt finde ich passend, der Stil ist flüssig und liest sich gut. Die Aufteilung in kurze Unterkapitel empfinde ich immer als sehr angenehm. Da hat man häufiger das Gefühl man hat was geschafft, anstatt in einem endlosen Kapitel gefangen zu sein.

Fazit

Das Buch überzeugt mit tollen Charkteren, unterhaltsamen Dialogen, spannender Handlung und ein kleines bisschen Romantik was man nicht grade erwartet.

Allen Krimi- / Detektivroman Fans kann ich dieses Buch empfelen auch wenn man Sherlock Holmes hier mal etwas anders antrifft.

Buchdetails

Autorin: Annelie Wendeberg
Übersetzung (aus dem Englischen): Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger
Originaltitel: The Devil’s Grin
Flexibler Einband: 240 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04643-4
Erschienen am: 13.02.2014

©Clara Müller  blog.edgeofthewild.de

 

3 Comments on Rezension: „Teufelsgrinsen – ein Fall für Anna Kronberg“ von Annelie Wendeberg

  1. Ann-Bettina
    14. März 2014 at 10:32 (3 Jahren ago)

    Das klingt wirklich nach einem sehr interessanten Buch. Ich mag Krimis, die noch ein bisschen mehr bieten :-)
    Viele Grüße
    Ann-Bettina

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